THE WINE PARTY | Veltliner 4 the World. Der Stand der Dinge im Projekt “New Chapter”
Dieses Projekt hätte auch schiefgehen können. Wäre nicht das erste Projekt mit großen Abitionen, das in der Weinwelt – aus welchen Gründen auch immer – scheitert. Zwei Winzer, fast drei Jahrzehnte Altersunterschied, zwei sehr unterschiedliche Biografien, dazu ein Anspruch, der nicht weniger will, als eine ganze Rebsorte aus ihrer regionalen Komfortzone herauszuführen. Und dann auch noch Grüner Veltliner – eine Sorte, die international zwar respektiert, aber selten, außer in Österreich und in Deutschland, wirklich begehrt wird. Zu viel Herkunft, für internationales Marketing zu wenig Mythos, zu wenig Fläche, zu wenig Geschichte jenseits des Alpenraums. Genau dort aber setzt New Chapter an. Und genau deshalb ist dieses Projekt mehr als ein weiterer „Premium-Veltliner“.
Markus Huber und Lenz Maria Moser stehen für zwei Pole des österreichischen Weinbaus: hier der akribische Lagenarbeiter aus dem Traisental, ein Winzer, der Präzision, Reduktion und kühle Eleganz zur Handschrift gemacht hat; dort der globale Weinunternehmer, geprägt von Generationen Familientradition, aber längst mit einem Horizont, der weit über Europa hinausreicht. Was sie eint, ist nicht Stil, sondern Ambition. Und der Wille, Grüner Veltliner aus der nationalen Selbstzufriedenheit zu lösen.
New Chapter ist eine Behauptung: Dieser Wein will nicht „typisch“ sein, sondern konkurrenzfähig. International lesbar. Nicht als Exot, sondern als ernstzunehmender Weißwein auf Augenhöhe mit den großen Referenzen. Dass James Suckling dafür 95 Punkte vergibt, ist weniger Marketinggeschichte als Symptom. Die Jury liest hier keinen Herkunftsbonus, sondern handwerkliche Konsequenz: Frucht ohne Lärm, Holz ohne Dominanz, Struktur ohne Härte. Der Wein ist gebaut, vielleicht auch konstruiert. Aber: Er ist mehrheitsfähig, ein Veltliner, der den Weltweingeschmack so eintütet, wie es etwa Antinoris Tignanello tut.
Das Entscheidende liegt tiefer. Grüner Veltliner ist keine Sorte mit üppiger Rebfläche. Er ist kein Chardonnay, kein Sauvignon Blanc, kein Pinot Grigio. Er ist limitiert – geografisch, klimatisch, kulturell. Wer ihn international denkt, muss anders vorgehen. Nicht über schiere Masse, sondern über Präzision. Nicht über Regionalfolklore, sondern über Stildefinition. Genau hier greift die Idee hinter Lenzmark: ein Wein nach dem Prinzip großer Blends, Jahr für Jahr neu zusammengesetzt, ausschließlich aus den besten Parzellen, mit dem Anspruch, einen klar erkennbaren Stil zu formen – unabhängig von Jahrgangsschwankungen.
Dass dieser Stil ausgerechnet in Dubai seinen stärksten Markt gefunden hat, ist kein Zufall, sondern Ironie der Gegenwart. In einem islamisch geprägten Land, in dem Alkohol streng reguliert ist, steht New Chapter auf den Karten der besten Restaurants. Dort, wo Weine nicht aus Tradition, sondern aus Neugier bestellt werden. Dort, wo Herkunft weniger zählt als Textur, Balance und gastronomische Tauglichkeit. Grüner Veltliner als globaler Essensbegleiter – das ist vielleicht die klügste Lesart dieser Sorte überhaupt.
Ein nicht zu unterschätzender Teil dieser Geschichte ist Lenz Maria Mosers Arbeit in China. Sein Engagement beim Changyu-Konzern, wo er ein eigenes Weingut unter seinem Namen aufgebaut hat, hat ihn mit einem Markt konfrontiert, der Wein völlig anders liest als Europa: weniger historisch, weniger sentimental, dafür umso analytischer. Was funktioniert im Glas? Was bleibt im Gedächtnis? Was passt zur Küche? Diese Fragen fließen in New Chapter ein – nicht als Kompromiss, sondern als Schärfung. Der Wein denkt international, ohne seine Herkunft zu verleugnen.
Und Markus Huber? Er liefert das Fundament. Kalk, Kühle, Geradlinigkeit. Lächerlich kleines Traisental vs. riesiger Weinflächen a la Burgund, Toskana oder Bordelais. Hubers Lagen geben dem Wein jene steinige Ruhe, die ihn vor Beliebigkeit schützt. Der Ausbau – teils Edelstahl, teils großes Holz – ist kein Stilmittel, sondern Werkzeug. Holz als Würze, nie als Statement.
New Chapter ist ein sehr selbstbewusst vorgetragenes Projekt, das rund 50000 Flaschen pro Jahr auf einem internationalen Markt unterbringen und diese Zahl noch geringfügig steigern kann. Er braucht kein Österreich-Label, um zu funktionieren – und das nehmen ihn manche in Ösiland auch etwas übel – von einem arroganten Auftritt ist da manchmal die Rede; bullshit. Denn genau darin liegt seine Stärke. Vielleicht ist das der eigentliche Innovationsmoment dieses Projekts: Grüner Veltliner nicht als nationale Identitätsfrage zu denken, sondern als internationale Möglichkeit.
Zwei Winzer, eine Generationenbrücke, ein Wein, der dort funktioniert, wo man ihn am wenigsten erwartet hätte. Wenn das kein neues Kapitel ist, dann wissen wir nicht, wie eines aussehen sollte.